Premieren: Tandemsprung

Mitte Juni warf ein Kollege die Frage in die Agentur, ob wir Lust auf ein gemeinsames Abenteuer hätten: einen Tandem-Fallschirmsprung. Es meldeten sich immerhin neunzehn Leute, darunter ich, getreu dem Motto: Man bereut immer eher die Dinge, die man nicht getan hat, als die, die man getan hat. Sollte ich kalte Füße bekommen, könnte ich mich ja immernoch wieder abmelden.

Heute wird es also ernst. Mir ist mulmig zumute. Man fällt nicht jeden Tag an einen fremden Menschen geschnürt aus 4.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug. Um 10.00 Uhr kommt die SMS: Die Wetterbedingungen passen, der Sprung ist freigegeben, um 14.00 Uhr wollen wir uns am Flugplatz treffen, gesprungen werden soll ab 15.00 Uhr. Ich erwäge, eine Migräne zu erfinden und zu kneifen, aber da sitze ich schon auf dem Beifahrersitz, und aus den Boxen tönt, so laut es der Fahrer gerade noch zulässt, Republica’s Ready to go.

Vor Ort bekomme ich ein Klemmbrett in die Hand gedrückt, darauf eine Erklärung, die ich durchlesen und unterschreiben soll. Die Kollegen sind schon da, zehn sind von den ursprünglichen neunzehn übrig, niemand sieht sonderlich nervös aus. Hinter uns rauschen Fallschirmpiloten in Richtung Boden und landen butterweich. Es sieht so leicht und selbstverständlich aus, als wäre überhaupt nichts dabei. Das Wetter ist schön, nicht zu warm, der Himmel ist blau mit ein paar malerischen Wölkchen, es ist sonnig und klar. Die Aussicht von da oben muss heute atemberaubend sein. Ich lese in der Erklärung, dass ich meinen Tandem-Master darüber in Kenntnis setzen muss, wenn ich in den letzten zwölf Monaten wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung war, und möchte gern mit jemandem sprechen, bevor ich unterschreibe und bezahle. Eigentlich möchte ich, dass mir dieser jemand dann sagt, dass sie mich dann leider, leider nicht mitnehmen können und mir die Entscheidung abnimmt. Doch das passiert nicht. „Wir können das händeln“, sagt Robbie, mit über sechstausend Sprüngen Chef-Tandempilot und der erfahrenste Mann vor Ort, „aber wichtig ist, dass du es willst.“ – „Ich weiß gerade nicht, warum ich das wollen sollte.“ – „Weil es Spaß macht!“, strahlt er, und ich glaube ihm. Aber macht es mir auch Spaß?

Angst ist nicht das Gegenteil von Mut. Angst ist die Voraussetzung für Mut.

Angst ist ein guter Bekannter, seit ich vor zwanzig Jahren meine erste Panikattacke hatte. Seitdem habe ich Techniken entwickelt, mit ihr umzugehen. Ich glaube, dass das heute ein Vorteil sein wird. Es geht mir trotzdem nicht gut und ich frage mich, warum ich das machen will. Es geht um nichts, nur um Spaß – und von Spaß ist gerade nichts zu spüren. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben vor etwas so viel Angst gehabt.

Man hat viel Geduld mit mir, ich bekomme Bedenkzeit, setze mich nach draußen, lasse die Stimmung auf mich wirken, höre mir Erfahrungsberichte an und trommle mein inneres Team zusammen. Krisensitzung. Wovor genau habe ich solche Angst? Seltsamerweise überhaupt nicht davor, dass Technik oder Tandempilot versagen. Sondern vor dem freien Fall und dem Kontrollverlust. Inzwischen steigen die ersten Kollegen in Overalls und Gurtzeug verpackt ins Shuttle Richtung Flugzeug. Ich atme noch einmal durch, schreibe in das Freitextfeld unter Wie haben Sie von uns erfahren? „Durch meine bescheuerten Kollegen, mit denen darüber noch zu sprechen sein wird“ und unterzeichne die Erklärung.

Nun heißt es warten. Durch die Bedenkzeit hat sich meine Startzeit nach hinten verschoben, und ich sehe einen Kollegen nach dem anderen mit einem breiten Grinsen mehr oder weniger elegant landen. Kein einziger sagt „Nie wieder!“, alle sind begeistert. In mir melden sich Vorfreude und Ungeduld.

Und dann wird Load 16 aufgerufen. Meine Rutsche. Ich bekomme einen blau-gelben Overall, Gurtzeug, Lederkappe und Brille und schließlich eine Einweisung. Mein Tandem-Master Robbie erklärt mit den genauen Ablauf und übt mit mir die Körperhaltungen, die ich im freien Fall und bei der Landung einnehmen soll. Bei „Wenn du dann an der Schwelle des Flugzeugs sitzt, klappst du die Beine darunter und legst deinen Kopf auf meine linke Schulter“ meldet sich vehement der Knoten in meinen Innereien. Ich werde mich in 4.000 Metern Höhe in die geöffnete Tür eines Flugzeugs setzen und die Beine darunter klappen? Irgendwie sehe ich das noch nicht. Aber da sitze ich auch schon im Shuttle und kurz darauf im Flugzeug.

Es geht los: Blue Skies and Safe Landings!

Der Aufstieg auf 4.000 Meter dauert etwa eine Viertelstunde, und obwohl es laut ist und wir dicht gedrängt sitzen, fühle ich mich wohl. Ich fliege gern, und es gibt viel zu gucken. Die Sicht ist tatsächlich fantastisch, ich sehe Grün, Kühe, ein rundes Ding, das sich als Sternwarte entpuppt, ein sich pittoresk schlängelndes Flüsschen, dessen Namen ich gleich wieder vergesse, die Elbe, schließlich den Nord-Ostsee-Kanal, die Nordsee, bis zur Wesermündung kann ich schauen. Auf 2.500 Metern Höhe fährt das Flugzeug gefühlt rechts ran, und das Rolltor geht zum ersten Mal auf. Der Schüler, der uns für einen Ausbildungssprung hier schon verlässt, bringt sich in Position, wartet auf grünes Licht und springt ohne zu zögern ab. Das sieht so selbstverständlich aus, dass ich den „notfalls kann ich immernoch ganz normal mit dem Flugzeug wieder runter“-Gedanken begrabe, mich zu meinem Piloten umdrehe und ihm sage, dass ich keinen Rückzieher machen werde. Denn dann war die ganze Panik des Tages total nutzlos. Wir ziehen das jetzt durch.

Kurze Zeit später sind wir dran. Wir sind das dritte Tandem, das Rolltor geht auf, die ersten beiden rutschen an die Tür und plumpsen in die Tiefe Ich rutsche hinterher, besser gesagt: ich werde gerutscht. Ein Teil von mir sagt sich: „Das bin gar nicht ich, das sieht nur so aus, das passiert jemand anderem“, ich spüre den Bauch des Flugzeugs an meinen Waden und die kalte Luft, die an meinem Overall zerrt, lege den Kopf nach hinten wie besprochen und mache die Augen zu. Dann kippen wir nach vorn. Ich mache die Augen auf und sehe eine Wolke auf mich zurasen, kurz darauf wird die Luft feucht. Wolken schmecken übrigens gar nicht nach Zuckerwatte. Robbie tippt mir auf die Schulter, ich breite die Arme aus und klappe meine Beine weiter nach hinten. Ich muss grinsen. Der Luftstrom tut alberne Dinge mit meinen Mundwinkeln, und ich muss noch breiter grinsen. Ich bin eine Kanonenkugel.

Dann ruckt es, aber nicht so heftig, wie ich es mir vorgestellt hatte, ich schaue nach oben und sehe, wie der Fallschirm sich entfaltet. Das sieht schön aus, ganz symmetrisch vor dem blauen Himmel. Wir schweben. Die Sicht ist phänomenal. Wir sind auf 1.500 Metern Höhe, jetzt kommt der entspannte Part. Und dann zündet meine Hirn eine Panikattacke, und mir wird schlecht.

Panikattacken sind im Prinzip so wie die Bengalos im Ultrablock. Kurz und heftig, ein Heidenspektakel, das in dem Moment wenig Raum lässt, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Darüber hinaus zeitraubend, unerfreulich und unnütz. Und leider habe ich hier oben nicht die Möglichkeit, zu sagen: warte mal eben, ich möchte mich kurz auf die Bank da setzen, mich ein bisschen sammeln und einen Schluck trinken, dann kann es weitergehen. Da ist keine Bank. Und die Zeit läuft. Ich hänge wie ein nasser Sack im Gurtzeug, sehe die in der Abendsonne golden glänzende Nordsee, die Wölkchen, in weiter Ferne Hamburg, das man von hier oben selten sehen kann, weil es sich oft unter einer Dunstglocke versteckt … – und will einfach nur, dass es vorbei ist.

Der Boden kommt näher, und eigentlich soll ich die Beine anheben, so wie wir es geübt haben. Nur: sie gehorchen mir nicht. Ich kriege sie keinen Zentimeter bewegt. Ich verkacke die Landung – wir landen gefühlt nur unwesentlich eleganter als der Albatros bei Bernhard und Bianca. Auf dem Bauch. Mein erster artikulierter Gedanke nach der Landung, als ich mich hochgerappelt habe und die Grasflecken auf den Knien des Overalls sehe, ist: Das tut mir leid, der muss jetzt in die Wäsche. Und dann breitet sich ein Grinsen in meinem Gesicht aus. Bis zu den Ohren. Ich hab es echt getan. Ich bin aus 4.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug gesprungen.

Einige Kollegen sind noch geblieben und nehmen mich in Empfang. Gratulieren mir. Die Dame von der Crew, die sich beim Einchecken so toll um mich gekümmert hat, freut sich mit mir: „Na, das Gesicht spricht ja Bände!“ Ich schaue mir die Bilder an, die Robbie gemacht hat. Auf den letzten sehe ich nicht sehr glücklich aus. „Das mit der Panikattacke ist so schade, ich konnte die Aussicht gar nicht so richtig genießen. Das muss nächstes Mal anders.“

Habe ich gerade „nächstes Mal“ gesagt? Das habe ich tatsächlich. Ich möchte das noch einmal machen. Nur vielleicht nicht gleich morgen.

Na, Lust bekommen? Wir haben unseren Sprung bei YUU Skydive e.V. gebucht und waren alle restlos begeistert.

Premieren: Wasserski

Ich liebe ja die unweigerlich steile Lernkurve, wenn ich was Neues ausprobiere. Zum Beispiel heute einen Wasserski-Anfängerkurs. Seit wir hier wohnen denke ich bei jedem Stadtparkbesuch (und ich bin oft im Stadtpark): „irgendwann …“. Heute ist es also soweit. Wir sind zehn Anfänger, haben die Anlage für uns allein und zwei Stunden Zeit. Nach einer kurzen Einweisung geht es direkt los – ich habe mich in einem unachtsamen Moment ganz links in der Reihe einsortiert und darf anfangen.

1. Start: zack, Bauchklatscher.
2. und 3. Start: ich komme irgendwie in der Hocke bis zur ersten Schikane und beobachte, wie meine Knie immer weiter nach innen und die Füße nach außen wandern. So langsam sollte ich mal hoch. Aber das ist so wackelig. Abflug. Ich erkenne einen klaren Vorteil des Wakeboards: man muss nur ein Sportgerät wieder einfangen. Ich überlege, welchen der in entgegengesetzte Richtungen davondümpelnden Skier ich als erstes wieder einsammeln soll, um die anderen möglichst wenig zu stören.
4. Start: irgendwie schaffe ich es, aus der Hocke hochzukommen. Ich fahre Wasserski. Wahnsinn. Ich lenke nach rechts in Richtung Bojentor der ersten Kurve, als hätte ich nie was anderes gemacht, durchfahre es und bin plötzlich mit einer unerwarteten Situation konfrontiert: ich stehe noch, ich habe die erste Kurve tatsächlich geschafft, und da vorn ist schon die nächste. Außerdem schwimmt da jemand vor mir im Wasser. Ich verfehle das zweite Bojentor um ein paar Meter, schaffe die Kurve so natürlich überhaupt nicht und gehe baden.

5. Start: Aufstehen klappt schon besser. Ich habe plötzlich Zeit für eine Bestandsaufnahme. Und dafür, das Gefühl zu genießen. Das Rauschen des Wassers, den Wind, die Sonne. Ich schaffe Kurve 1, Kurve 2 (mit der ich später noch Probleme haben werde), Kurve 3 (da ist noch eine?), die lange Gerade, Kurve vier nicht optimal, weil sich der Kopf einschaltet: („Ähäm: Wenn du aussteigen willst, musst du jetzt zur weißen Boje.“ – „Ach ja, richtig.“ – „Willst du aussteigen? Oder willst du noch eine Runde fahren?“ – „Ich weiß nicht, will ich?“ – „Naja, die solltest du dann schaffen, wir sollen ja nicht in der Startzone aussteigen.“ – „Ich weiß … und da stehen auch die ganzen Leute“ – „Von deinem Kurs, die das auch alle nicht können, mach dir da mal keine Gedanken.“ – „Mhmm, weiß nicht. Ich steig mal aus.“ – „Aber doch nicht jetzt schon loslassen!“)

Die nächsten Starts klappen immer besser, ich komme aus der Hocke hoch, ich fühle mich immer sicherer. Die erste Kurve ist kein Problem, aber die zweite. Was die blödeste Stelle zum abfliegen ist, denn dort ist auf einem längeren Stück kein Steg und man muss recht weit schwimmen und maximal weit laufen. Ich versuche es noch zweimal, lande aber jedes Mal im Wasser. Meine Kraft reicht nicht mehr und die Kurve wird zu meinem Angstgegner – nicht hilfreich. Beim letzten Start habe ich keine Chance mehr, die Hantel zu halten. Arme sind alle. Die Zeit ist aber auch schon fast um, also hoch zur Umkleide. Dort werden wir von der Angestellten von der Kasse und zwei fortgeschrittenen Wakeboardjungs empfangen: „Und, wie war’s?“ – „Großartig. Ich komme wieder. Gleich, wenn ich meine Arme wieder benutzen kann.“ – „Also nächste Woche.“ – „Genau. Ich weiß noch nicht, wie ich mich morgen anziehen soll, aber das sehe ich dann morgen.“ – „Mhm, jedenfalls langsam …“ vermutet der eine, „und weinend“ ergänzt der andere. Mag sein. Und soll ich euch was sagen? Das war’s in jedem Fall wert.

Link für die, die es selber mal probieren wollen: Wasserski Norderstedt

Von einer, die auszog, das Weißwurstmachen zu lernen – fünf Tage Regensburg

Regensburg, so habe ich gelernt, ist die nördlichste Stadt Italiens. Allerdings ist in Italien auch manchmal Mistwetter, und so bin ich, als ich am Mittwoch in meinem Hotel ankomme, klatschnass. Regensburg macht dem ersten Teil seines Namens Ehre.

Ich habe ein Zimmer im Hotel David gebucht, in der Nähe des Tagungshotels, in dem ich viel Zeit verbringen werde. Im Tagungshotel selbst habe ich nichts mehr bekommen. Das Hotel David ist eine denkmalgeschützte ehemalige Kapelle, es gibt keinen Aufzug und kaum eine gerade Wand. Die Wände sind grob verputzt, der Boden uneben und die Dusche ist eine Badewanne mit Löwenfüßen, und vom Fenster habe ich einen Blick auf die Donau und auf das Tagungshotel. So weit schon mal ziemlich gut. Ich lege mich notdürftig trocken und mache mich auf dem Weg zum Tagungsbüro.

Der Anlass meiner Regensburg-Reise ist das Jahrestreffen von Mensa Deutschland. Rund um die jährliche Mitgliederversammlung, die jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfindet, hat das lokale Orgateam ein buntes Rahmenprogramm zusammengestellt. Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal dabei und einigermaßen aufgeregt. Im Tagungsbüro, meiner ersten Anlaufstelle, bekomme ich Coupons für meine im Vorfeld gebuchten Veranstaltungen – ich werde unter anderem einen Weißwurstworkshop besuchen, Schafkopf spielen lernen, mehreren Vorträgen lauschen und einen Ausflug zum Hundertwasserturm in Abensberg unternehmen -, ein Ticket für den RVV (das ich eigentlich nicht brauche, denn in Regensburg ist, wie sich herausstellen wird, alles sehr gut zu Fuß erreichbar), Infomaterial und mein Namensschild an einem roten Schlüsselband mit Mensa-Emblem, das mir in den folgenden Tagen viele spannende Gespräche und konspirative Lächeln einbringen wird.

Vom Tagungsbüro geht es im gestreckten Galopp – ich bin spät dran – zum ersten Termin, einem Kaffeeklatsch für Neulinge beim Jahrestreffen (oder JT, Mensaner sind Abkürzungsfans). Da es mein erstes Jahrestreffen ist, nehme ich die Gelegenheit, alten Hasen Fragen zu stellen, gern wahr. Zum Beispiel: Wie streng ist der Dresscode beim Galadiner? Könnte man da, sagen wir, im Dirndl auftauchen? Ich lerne: Tracht geht in Bayern immer. Gut. Ich besitze zwar kein Dirndl, bin aber mit dem festen Vorsatz hergekommen, das zu ändern. Und dann kann ich es gleich einweihen. Abends sind jeweils Stammtische angesetzt, am ersten Abend bin ich dabei, führe tolle, vielseitige Gespräche mit vielen Menschen, schaue zu, wie Dortmund die Bayern aus dem Pokal wirft und treffe einen Nachbarn, der im echten Leben zwei Hauseingänge neben mir wohnt. Die Welt ist ein Dorf. Ich falle deutlich später als geplant glücklich in mein Hotelbett.

Der nächste Tag beginnt mit einer alternativen Stadtführung mit dem Titel „Mein Selfie aus einem unbekannten Regensburg“. Wir werden durch Regensburgs schmalste Gasse geführt, bekommen die beste Stelle für ein Foto vorm Schloss gezeigt und besuchen den Milchpilz (ein Café in der Form eines Fliegenpilzes) und ein Parkhaus, das die alte Stadtmauer integriert. Ich präge mir alles so gut es geht ein, um am Wochenende bei schönerem Wetter wiederzukommen. Denn eine Fototour bei Regenwetter ist jetzt nicht wirklich sinnvoll – die Fotos in diesem Eintrag sind fast alle vom Wochenende, denn bis Freitag Nachmittag wird es gnadenlos weiterschütten.

Mein erster Vortrag trägt den Titel „Gedanken eines Autisten: allein oder einsam?“ Der Referent Werner Kelnhofer weiß seit zehn Jahren (er ist 65 Jahre alt), dass er Asperger hat. Er berichtet mal ernst, mal unterhaltsam aus seinem Allltag und beantwortet sehr offen alle unsere Fragen. Ich nehme aus diesem Vortrag sehr viel mit, auch und gerade persönliches.

Die fast dreistündige Pause vor der nächsten Veranstaltung nutze ich für die Mission Dirndlkauf. Ich liebäugle schon länger mit einem Dirndl, Nordlicht hin oder her, und habe mir im Vorfeld den Laden Wirkes Dirndl Trachten & Ledermoden ausgesucht. Denn wenn ich mir so ein Kleid kaufe, dann natürlich vor Ort und unter fachkundiger Beratung – ich hab schließlich keine Ahnung, wie so etwas sitzen muss. Am Ende ist es aber doch viel einfacher als erwartet, gleich das erste passt und gefällt mir supergut. Ich mag die vielen kleinen Details – hier noch eine Paspel, da noch eine Spitze, Herzchen am Reißverschlussgreifer, so Dinge halt. Und für die volle Dröhnung bayrischer Kultur gibt es im Anschluss den Schafkopf-Workshop für Anfänger im Hofbräuhaus. Ich stelle fest, dass meine Doppelkopfkenntnisse mir nützen, und die zwei Stunden in lustiger Runde vergehen wie im Flug.

Der letzte Termin des Tages ist dann ein Besuch der Sternwarte Regensburg, und hier überlege ich das erste Mal, ob ich nicht schwänzen soll … aufgrund des Wetters können wir nicht auf die Plattform – es ist zu glatt und man würde ohnehin nichts sehen. Es gibt also einen zweieinhalbstündigen Vortrag über Kosmologie. Im Dunkeln. Abends um neun. Nach einem üppigen Essen. Die anschließende Führung durch die Räume halte ich sehr kurz und mache mich aus dem Staub.

Der Freitag beginnt aufgrund eines abgeschalteten Weckers zu spät und demzufolge mit einem Kaltstart, ich schaffe es aber noch rechtzeitig zum WeißWurstWorkshop in den Ratskeller. Unter fachkundiger Anleitung und mit sehr viel Spaß bereiten wir acht Kilo Wurstbrät zu, jeder bekommt eine Aufgabe – meine ist das Abreiben der Schale von drei Zitronen. Ja, in Weißwurst kommt Zitronenschale. Und Zwiebeln. Und Petersilie. Und die geheime Gewürzmischung. Und kein Hirn, auch wenn das gern behauptet wird. Ich vermute, das liegt an der Farbe. Da kein Nitritpökelsalz verwendet wird, das den Muskelfarbstoff Myoglobin erhält, ist die Weißwurst eben gräulich-weiß und nicht rosa. Man darf die Weißwurst übrigens auch längt schneiden und das Brät aus der Pelle holen (die aus Schweinedarm besteht, der dicker ist als die für andere Würstchen üblichen Schafsdärme und daher nicht mitgegessen wird), man muss nicht zuzeln, also die Wurst in die Hand nehmen und das Brät mit den Zähnen aus der Pelle ziehen. Das geht ohnehin nur mit frischer Weißwurst richtig gut, und nachdem die ersten drei bis vier Zentimeter gegessen sind, wird es, wie ich finde, anstrengend. Dazu gibt es klassisch Brezn, Weißbier und süßen Senf. Ich muss noch Zubehör für meine Küchenmaschine besorgen, dann kann es losgehen mit der heimischen Weißwurstproduktion.

Gut gestärkt mache ich mich anschließend auf den Weg ins Tagungshotel zu meinem nächsten Vortrag mit dem Titel „Hoffentlich merkt´s bloß keiner …“ Ute Gietzen-Wieland spricht über das Impostor-Phänomen oder Hochstapler-Syndrom, ein kurzweiliger Vortrag mit reichlich Beispielen aus ihrer Coaching-Praxis und am Ende auch einigen Tipps für Betroffene. Beim Hochstapler-Syndrom geht es kurz gesagt darum, dass eigene Erfolge äußeren Faktoren zugeschrieben werden (Glück gehabt/der Lehrer mochte mich/war ja gar nicht so schwer etc.), die Gründe für eigenes Scheitern hingegen in einem selbst gesehen werden (ich bin zu dumm/untalentiert/schlecht vorbereitet) Dieses Phänomen trifft besonders häufig Minderheiten, zu denen unter anderem späterkannte Hochbegabte gehören. Auf die eingangs gestellte Frage, wie viele der Zuhörenden von ihrer Hochbegabung erst im Erwachsenenalter erfahren haben, gehen fast alle Arme nach oben, und während des Vortrags höre ich aus den Reihen immer wieder zustimmendes Raunen, ertapptes Lachen, und ich beobachte mich selbst dabei, wie ich ein ums andere mal heftig nicke. Ich habe später an diesem Tag noch die Gelegenheit, mich länger mit der Referentin zu unterhalten.

Die Gespräche, die ich hier führen darf, sind ohnehin der Wahnsinn. Ich habe noch nie so viele Menschen getroffen, mit denen ich so auf einer Wellenlänge bin. Ich breche das Gespräch also eher widerwillig ab, denn ich muss zur Erlebnisführung: Mit dem Nachtwächter unterwegs, leider auch wieder bei Nieselregen. Davon abgesehen ist die Führung wirklich kurzweilig. Wir schreiben das Jahr 1636, in dem der Kaiser seinen Sohn in Regensburg zum König krönen lassen wird. Dafür braucht die Nachtwache Verstärkung – und wir sind die Rekruten. Die 90 Minuten vergehen schnell. Wenn nur der Regen nicht wär … ich setze mich zum Trocknen und auf einen Wein in die Lounge des Hotels.

Am Samstag sehe ich beim Frühstück zum ersten Mal Sonne. Ich beschließe kurzerhand, die mit fünf Stunden angesetzte Mitgliederversammlung zu schwänzen und erkunde auf eigene Faust die Stadt. Am frühen Abend muss ich im Kolpinghaus sein, zur Verleihung des Deutschen IQ-Preises und dem anschließenden Galadinner. Da will ich auch das neue Dirndl einweihen! Ich falle damit überhaupt nicht auf und fühle mich sehr wohl. Irritierte Blicke gibt es erst, wenn ich im Gespräch erwähne, dass ich aus Norddeutschland komme. So einfach ist das mit den Schubladen.

Der Abend wird lang, die IQ-Preis-Verleihung beginnt eine halbe Stunde zu spät, was aber alle Anwesenden mit Fassung tragen. Es werden zwei Preise vergeben, in der Kategorie Intelligenz zum Wohle der Allgemeinheit nutzen gewinnt das Projekt One Dollar Glasses, das eine Brille entwickelt hat, die für sehr wenig Geld und ohne Strom in armen Ländern hergestellt werden kann und die sich die Leute dort für zwei bis drei Tageslöhne leisten können. In der Kategorie Intelligente Vermittlung von Wissen gewinnt ScienceLab, eine Organisation, die Kinder zum Forschen anregt. Beide Organisationen stellen ihre Projekte kurz vor, und besonderes gut gefällt mir die Vertreterin von ScienceLab, sie hat nämlich zwei kleine Experimente dabei und lädt den ganzen Saal zum Mitforschen ein. Beim anschließenden Galadinner sind die Pausen zwischen den Gängen sehr lang. Ich unterhalte mich gut, obwohl ich auch hier niemanden kenne, und es kommt mir gar nicht so lang vor, so dass ich staune, dass es wirklich schon halb zwei ist, als ich das Licht ausmache.

Am Sonntag strahlt die Sonne von einem knallblauen Himmel. Ich bin sehr froh, dass ich mir für die Besichtigung des Hundertwasserturms in Abensberg diesen Termin ausgesucht habe. Wir fahren gut eine Stunde mit dem Bus und werden vor Ort erst durch die Brauerei geführt, bevor wir – nach einen etwas seltsamen Exkurs über den Schlüssel zur Interpretation von Da Vincis Bild Das Abendmahl und noch seltsamerer Begegnung mit ein paar Gartenzwergen, für die der Hundertwasser der Legende nach den Turm gebaut hat – vom 35 m hohen Hundertwasserturm einen fantastischen Blick über die Landschaft und anschließend ein Weißbier im angeschlossenen Biergarten genießen können. Lange verweilen können wir nicht, obwohl das Wetter dazu einlädt, denn der Bus wartet schon, und da wir noch zwei andere Gruppen einsammeln müssen, bevor wir wieder in Regensburg sind, sitzen wir bei schönstem Wetter fast zwei Stunden im Bus. Aber wenigstens die Landschaft, die am Fenster vorbeizieht, ist sehenswert. Zum letzten Stammtisch am Sonntag, dem Nachbrenner, sind dann nicht mehr ganz so viele Leute da, viele sind schon abgereist. Es ist trotzdem eine nette Runde und ein schöner Abschluss. 2018 ist das Jahrestreffen in Aachen. Ich werde wieder dabei sein.

Links: