Weekly Journal – Woche 20

Diese Woche ist gefühlt wahnsinnig schnell vergangen, dabei war doch eigentlich gar nicht so viel los. Es war ein bisschen kühler hier – die Eisheiligen, denke ich – was die Balkonpflanzen nicht sonderlich beeindruckt hat. Sie wachsen und gedeihen. Das gleiche gilt für den Dotted Rays, das Wetter lud besonders Donnerstag und Freitag eindeutig zum Drinnenbleiben und stricken ein.

Stricken, Spinnen & Häkeln
Dass ich mir mit den letzten beiden Segmenten des Dotted Rays für diese Woche lauflängenmäßig das Äquivalent eines kompletten Sockenpaares vorgenommen hatte, ist mir erst am Mittwoch so richtig bewusst geworden. Das ist natürlich ’n büsch’n viel. Ich hab dennoch tapfer weitergenadelt und nun fehlen nur noch wenige Reihen des letzten Segments und die I-Cord-Abschlusskante of Doom, vor der ich mich jetzt schon fürchte: quasi im Krebsgang drei Maschen vor und zwei wieder zurück, fünfhundertfünfundzwanzig Maschen lang. Aber das ergibt nunmal die schönste, sauberste Kante, also werde ich das so machen.

Nähen
Ich habe nur das Schnittmuster zusammengeklebt und meine Größe ausgeschnitten, mehr ist hier nicht passiert. Und um die T-Shirts habe ich mich auch nicht gekümmert. Mein Handarbeitsschwerpunkt lag diese Woche eindeutig auf dem Dotted-Rays-Endspurt.

Sport
Ich war am Montag und am Mittwoch beim Training und es war richtig, richtig gut. Dabei hatte ich am Montag ein ziemlichen Durchhänger und wollte eigentlich schon absagen. Das Wetter war so schön, dass wir rausgehen konnten, die Footballer haben unter großem Gebrüll und den Augen einiger Zuschauer auf dem Platz hinter uns trainiert, es war ordentlich was los und ich hab gut was gelernt. Laufen war ich nur einmal, das Knie hat die Woche über ein bisschen geziept, beim Laufen war‘s aber okay. Dafür hinterher auf der Treppe nicht. Ich werde das beobachten.

Buch, Bild & Ton
Nachdem mich Isle of Dogs vor vier Wochen bei den Fantasy Filmfest Nights total begeistert hat (der Film ist diese Woche regulär ins Kino gekommen, schaut ihn euch an, wenn ihr die Gelegenheit habt!) und ich auch Moonrise Kingdom und Grand Budapest Hotel sehr mochte, habe ich mir vorgenommen, die anderen Wes Anderson Filme zu schauen, und so war am Donnerstag Der fantastische Mr. Fox dran. Ich mag Andersons Humor und die Art, wie er Geschichten erzählt, ich freue mich auf die anderen Filme.
Außerdem bin ich Steffis Empfehlung im Frickelcast gefolgt und habe angefangen, Shadowhunters auf Netflix zu gucken. Die Serie ist irgendwie fürchterlich, aber auch sehr unterhaltsam, voller schlimmer Dialoge und schöner Menschen, anspruchslos, aber auch nicht so platt, dass es ärgerlich wäre.

Kulinarisches
Es ist ja Spargelzeit und ich liebe Spargel. In jeder Form. Diese Woche in der Auflaufform. Mit Kartoffeln, Bratwurstbällchen und Béchamelsoße. Eigentlich verlangt das Rezept nach Salsiccia, das ist italienische Bratwurst mit Fenchel, aber wenn man die nicht bekommt, geht auch grobe Bratwurst. Das Rezept stammt aus der Brigitte und ist auch online zu finden: Spargelauflauf mit Salsiccia

unterwegs
Der Stadtpark hat gleich zwei mal gerufen – am Samstag Nachmittag zum Pokémon Go Community Day und am Sonntag zum ParkPerPlex mit Food Truck Market.
Der Community Day ist immer lustig. Es ist ein weltweites monatliches Event von Niantic. An diesem Tag trifft man sich zwischen 11 und 14 Uhr in einem Park, kann ein besonderes Pokémon häufiger fangen und bekommt auch noch andere Belohnungen. Und vor allem trifft man viele andere Spieler. Ich weiß, dass das von außen ein bisschen „krank“ aussehen kann (die Wortwahl einer uneingeweihten Parkbesucherin), aber: ich erlebe die Pokémon-Community als sehr aufgeschlossen. Jeder ist willkommen. Ich kann mich bei einem Arenakampf zu wildfremden Leuten stellen und fragen, ob ich mitspielen kann – wie früher auf dem Spielplatz. Inzwischen sind viele der anderen Spieler hier nicht mehr wildfremd und man freut sich, sich wiederzusehen und redet auch privat. Und ich hab noch nie so viele Leute freiwillig bei zwei Grad und Nieselregen im Stadtpark gesehen wie bei der Veröffentlichung einer neuen Pokémon-Generation.

Ho-Oh-Raid an der „Inderin“

ParkPerPlex ist ein Fest der internationalen Straßen- und Zirkuskünste mit mehreren Bühnen, Walk Acts und Mitmachzirkus. Es findet dieses Jahr schon zum achten Mal statt, ich war letztes Jahr zum ersten Mal dort und so begeistert, dass der Termin für dieses Jahr schon echt lange in meinem Kalender steht. Dieses Jahr haben wir gar nicht so viele Shows gesehen, sondern haben uns treiben und beim Mitmachzirkus Jongliertipps geben lassen.

Pläne für nächste Woche

  • Das Sally-Kleid und die beiden dunkelblauen T-Shirts – diesmal aber wirklich
  • den Dotted Rays fertigstellen
  • zweimal Laufen (Training fällt morgen ja aus wegen Feiertag), einmal davon am Sonntag beim Rostocker Citylauf

Weekly Journal – Woche 19

Es gibt ja kaum traurigeres als Blogs, deren letzter Eintrag schon mehr als sechs Monate zurückliegt. Das ist das Eine. Das andere ist: „Hm, ich hab ein Paar Socken fertig – das ist jetzt aber nicht wirklich einen Blogpost wert.“ Der Kompromiss ist eine Art wöchentlicher Check-In, ein Sammeleintrag für alles, was so war. In meinem Offline-Tagebuch mache ich das schon seit einiger Zeit und bin immer erstaunt, was am Ende der Woche zusammenkommt – dem Gefühl, nichts geschafft zu haben zum Trotz.

Stricken, Spinnen & Häkeln
Ich stricke aktuell an einem Dotted Rays von Westknits aus diversen Sockengarnresten und Tauschsträngen. Ich schwelge in Farben, es macht mir unheimlich viel Spaß. Dotted Rays ist ein halbkreisförmiges Tuch mit Streifen, die irgendwie so schneckenhausmäßig wachsen, konzentrisch mit leichter Unwucht, die Anleitung arbeitet mit Zunahmen und verkürzten Reihen und ist zwar komplett ausgeschrieben, aber total intuitiv, wenn man erstmal drin ist.
Das Tuch war als Mitnahmeprojekt gedacht, weil die Strickjacke, der Water & Stone Cardigan von Veera Välimäki, die ich zur Zeit außerdem auf den Nadeln habe, zu unhandlich geworden ist. Inzwischen ist auch der Dotted Rays zu unhandlich zum Mitnehmen. Das macht aber nichts, weil ich gerade gar nicht so viel unterwegs bin. Noch zwei Keile (à ca. 200 m Garnverbrauch) und das Tuch ist fertig.

Nähen
Eigentlich hatte ich diese Woche vor, eine Sally von pattydoo zu nähen. Das ist ein Jersey-Wickelkleid, ich habe alles dafür da, Zeit hätte ich auch gehabt, aber über das Zusammenkleben der Schnittmusterausdrucke für den Ärmel bin ich nicht hinausgekommen. Wenn ich so zögerlich mit einem Projekt bin, hat das meistens was zu bedeuten. Ich glaube, ich hab einerseits Angst, es nicht hinzukriegen, befürchte, dass der Hauptstoff nicht reicht, dass ich die falsche Größe ausgesucht habe und denke drüber nach, ob ich nicht einfach auf Nummer sicher gehen soll und eine Toni vom Milchmonster mit kurzen Ärmeln nähen soll. Ich hab schon drei Tonis, die ich sehr gern trage, ich könnte noch eine Variante mit kurzen Ärmeln gebrauchen.

Sport
Ich hab mir Mitte April beim Mensa Jahrestreffen in Aachen eine besonders aasige Form der Kongress-Seuche aufgesackt und bin diese Woche erst wieder ins Training eingestiegen. Ganz gesund bin ich immer noch nicht, ich habe noch eindrucksvolle Hustenanfälle, spätestens abends immer Halsschmerzen und muss mir jeden Abend mit so einem Asthma-Püster die Bronchien pudern. Ich war nur einmal laufen und auch nur einmal beim Cheerleading. Dafür war ich darten – es war der vorletzte Spieltag der Landesliga. Ich hab nach einer langen Pause allerdings nicht viel gerissen, außer einem unorthodoxen Checkout bei 60 Rest (Doppel-18 für Doppel-12 und ja, natürlich sollte der erste auf die einfache 20 für Tops, was das ganze Drama recht anschaulich illustriert).

Buch, Bild & Ton
Ich habe Transition von Luke Kennard fertiggelesen. Eine Dystopie um den Selbstoptimierungswahn, die Hauptfiguren ein Paar um die 30, Genevieve und Karl, überschuldet und überqualifiziert, die, als sie nicht weiter wissen, die Chance bekommen, an dem Programm Transition teilzunehmen. „Verbessere dich selbst und du verbesserst die Welt.“ Sie bekommen Mentoren, bei denen sie wohnen müssen und deren Anweisungen sie befolgen müssen. Und während Genevieve sich begeistert in das Coaching stürzt und an sich arbeitet, ist Karl eher skeptisch und versucht herauszufinden, wer wirklich hinter dieser Organisation steckt. Ich fand es insgesamt gut, unterhaltsam geschrieben und voller literarischer Anspielungen, gute Dialoge, der Plot okay. Nichts, was länger hängen bleibt, aber auch nicht schlecht. Es müssen nicht immer Superlative sein.

Dies & Das
Auf dem Balkon sprießen die Wildblumen, die ich ausgesät habe. Ich bin vor kurzem über zwei Sendungen über Wildbienen im Bayern2 Radiowissen-Podcast zum Blog Wilder Meter gekommen und war total fasziniert. Abgesehen davon, dass ich es sehr wichtig finde, dem Insektensterben Einhalt zu gebieten (auch, wenn mein Balkon da nur einen sehr, sehr kleinen Teil beitragen kann), finde ich Insekten spannend zu beobachten – allen voran Hummeln, die rückwärts aus Fingerhutblüten ausparken. Ich hoffe auf viel Insektenbesuch auf unserem Balkon und habe den Plan, die Spiegelreflex mit der Makrolinse wieder rauszuholen. Ich finde von je her selber säen viel spannender als Jungpflanzen in Töpfen zu kaufen. Die Vögel finden das natürlich auch spannend. Nachdem ich zwei mal, nachdem ich fünf Sonnenblumenkerne in einem Topf gesät habe, am Folgetag fünf amselkopfförmige Krater und Sonnenblumenkernspelzen in der Blumenerde vorgefunden habe, ziehe ich die Sonnenblumen auf der Fensterbank vor und pflanze sie erst aus, wenn sie so groß sind, dass die Amseln sich nicht mehr für sie interessieren.

Pläne für nächste Woche

  • Das Sally-Kleid nähen
  • vorher die beiden dunkelblauen T-Shirts mit neuem Ausschnitt versehen (es ist grad farblich passendes Garn in der Overlock)
  • den Dotted Rays fertigstellen
  • zweimal Laufen, wenn das Knie einverstanden ist

Premieren: Tandemsprung

Mitte Juni warf ein Kollege die Frage in die Agentur, ob wir Lust auf ein gemeinsames Abenteuer hätten: einen Tandem-Fallschirmsprung. Es meldeten sich immerhin neunzehn Leute, darunter ich, getreu dem Motto: Man bereut immer eher die Dinge, die man nicht getan hat, als die, die man getan hat. Sollte ich kalte Füße bekommen, könnte ich mich ja immernoch wieder abmelden.

Heute wird es also ernst. Mir ist mulmig zumute. Man fällt nicht jeden Tag an einen fremden Menschen geschnürt aus 4.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug. Um 10.00 Uhr kommt die SMS: Die Wetterbedingungen passen, der Sprung ist freigegeben, um 14.00 Uhr wollen wir uns am Flugplatz treffen, gesprungen werden soll ab 15.00 Uhr. Ich erwäge, eine Migräne zu erfinden und zu kneifen, aber da sitze ich schon auf dem Beifahrersitz, und aus den Boxen tönt, so laut es der Fahrer gerade noch zulässt, Republica’s Ready to go.

Vor Ort bekomme ich ein Klemmbrett in die Hand gedrückt, darauf eine Erklärung, die ich durchlesen und unterschreiben soll. Die Kollegen sind schon da, zehn sind von den ursprünglichen neunzehn übrig, niemand sieht sonderlich nervös aus. Hinter uns rauschen Fallschirmpiloten in Richtung Boden und landen butterweich. Es sieht so leicht und selbstverständlich aus, als wäre überhaupt nichts dabei. Das Wetter ist schön, nicht zu warm, der Himmel ist blau mit ein paar malerischen Wölkchen, es ist sonnig und klar. Die Aussicht von da oben muss heute atemberaubend sein. Ich lese in der Erklärung, dass ich meinen Tandem-Master darüber in Kenntnis setzen muss, wenn ich in den letzten zwölf Monaten wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung war, und möchte gern mit jemandem sprechen, bevor ich unterschreibe und bezahle. Eigentlich möchte ich, dass mir dieser jemand dann sagt, dass sie mich dann leider, leider nicht mitnehmen können und mir die Entscheidung abnimmt. Doch das passiert nicht. „Wir können das händeln“, sagt Robbie, mit über sechstausend Sprüngen Chef-Tandempilot und der erfahrenste Mann vor Ort, „aber wichtig ist, dass du es willst.“ – „Ich weiß gerade nicht, warum ich das wollen sollte.“ – „Weil es Spaß macht!“, strahlt er, und ich glaube ihm. Aber macht es mir auch Spaß?

Angst ist nicht das Gegenteil von Mut. Angst ist die Voraussetzung für Mut.

Angst ist ein guter Bekannter, seit ich vor zwanzig Jahren meine erste Panikattacke hatte. Seitdem habe ich Techniken entwickelt, mit ihr umzugehen. Ich glaube, dass das heute ein Vorteil sein wird. Es geht mir trotzdem nicht gut und ich frage mich, warum ich das machen will. Es geht um nichts, nur um Spaß – und von Spaß ist gerade nichts zu spüren. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben vor etwas so viel Angst gehabt.

Man hat viel Geduld mit mir, ich bekomme Bedenkzeit, setze mich nach draußen, lasse die Stimmung auf mich wirken, höre mir Erfahrungsberichte an und trommle mein inneres Team zusammen. Krisensitzung. Wovor genau habe ich solche Angst? Seltsamerweise überhaupt nicht davor, dass Technik oder Tandempilot versagen. Sondern vor dem freien Fall und dem Kontrollverlust. Inzwischen steigen die ersten Kollegen in Overalls und Gurtzeug verpackt ins Shuttle Richtung Flugzeug. Ich atme noch einmal durch, schreibe in das Freitextfeld unter Wie haben Sie von uns erfahren? „Durch meine bescheuerten Kollegen, mit denen darüber noch zu sprechen sein wird“ und unterzeichne die Erklärung.

Nun heißt es warten. Durch die Bedenkzeit hat sich meine Startzeit nach hinten verschoben, und ich sehe einen Kollegen nach dem anderen mit einem breiten Grinsen mehr oder weniger elegant landen. Kein einziger sagt „Nie wieder!“, alle sind begeistert. In mir melden sich Vorfreude und Ungeduld.

Und dann wird Load 16 aufgerufen. Meine Rutsche. Ich bekomme einen blau-gelben Overall, Gurtzeug, Lederkappe und Brille und schließlich eine Einweisung. Mein Tandem-Master Robbie erklärt mit den genauen Ablauf und übt mit mir die Körperhaltungen, die ich im freien Fall und bei der Landung einnehmen soll. Bei „Wenn du dann an der Schwelle des Flugzeugs sitzt, klappst du die Beine darunter und legst deinen Kopf auf meine linke Schulter“ meldet sich vehement der Knoten in meinen Innereien. Ich werde mich in 4.000 Metern Höhe in die geöffnete Tür eines Flugzeugs setzen und die Beine darunter klappen? Irgendwie sehe ich das noch nicht. Aber da sitze ich auch schon im Shuttle und kurz darauf im Flugzeug.

Es geht los: Blue Skies and Safe Landings!

Der Aufstieg auf 4.000 Meter dauert etwa eine Viertelstunde, und obwohl es laut ist und wir dicht gedrängt sitzen, fühle ich mich wohl. Ich fliege gern, und es gibt viel zu gucken. Die Sicht ist tatsächlich fantastisch, ich sehe Grün, Kühe, ein rundes Ding, das sich als Sternwarte entpuppt, ein sich pittoresk schlängelndes Flüsschen, dessen Namen ich gleich wieder vergesse, die Elbe, schließlich den Nord-Ostsee-Kanal, die Nordsee, bis zur Wesermündung kann ich schauen. Auf 2.500 Metern Höhe fährt das Flugzeug gefühlt rechts ran, und das Rolltor geht zum ersten Mal auf. Der Schüler, der uns für einen Ausbildungssprung hier schon verlässt, bringt sich in Position, wartet auf grünes Licht und springt ohne zu zögern ab. Das sieht so selbstverständlich aus, dass ich den „notfalls kann ich immernoch ganz normal mit dem Flugzeug wieder runter“-Gedanken begrabe, mich zu meinem Piloten umdrehe und ihm sage, dass ich keinen Rückzieher machen werde. Denn dann war die ganze Panik des Tages total nutzlos. Wir ziehen das jetzt durch.

Kurze Zeit später sind wir dran. Wir sind das dritte Tandem, das Rolltor geht auf, die ersten beiden rutschen an die Tür und plumpsen in die Tiefe Ich rutsche hinterher, besser gesagt: ich werde gerutscht. Ein Teil von mir sagt sich: „Das bin gar nicht ich, das sieht nur so aus, das passiert jemand anderem“, ich spüre den Bauch des Flugzeugs an meinen Waden und die kalte Luft, die an meinem Overall zerrt, lege den Kopf nach hinten wie besprochen und mache die Augen zu. Dann kippen wir nach vorn. Ich mache die Augen auf und sehe eine Wolke auf mich zurasen, kurz darauf wird die Luft feucht. Wolken schmecken übrigens gar nicht nach Zuckerwatte. Robbie tippt mir auf die Schulter, ich breite die Arme aus und klappe meine Beine weiter nach hinten. Ich muss grinsen. Der Luftstrom tut alberne Dinge mit meinen Mundwinkeln, und ich muss noch breiter grinsen. Ich bin eine Kanonenkugel.

Dann ruckt es, aber nicht so heftig, wie ich es mir vorgestellt hatte, ich schaue nach oben und sehe, wie der Fallschirm sich entfaltet. Das sieht schön aus, ganz symmetrisch vor dem blauen Himmel. Wir schweben. Die Sicht ist phänomenal. Wir sind auf 1.500 Metern Höhe, jetzt kommt der entspannte Part. Und dann zündet meine Hirn eine Panikattacke, und mir wird schlecht.

Panikattacken sind im Prinzip so wie die Bengalos im Ultrablock. Kurz und heftig, ein Heidenspektakel, das in dem Moment wenig Raum lässt, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Darüber hinaus zeitraubend, unerfreulich und unnütz. Und leider habe ich hier oben nicht die Möglichkeit, zu sagen: warte mal eben, ich möchte mich kurz auf die Bank da setzen, mich ein bisschen sammeln und einen Schluck trinken, dann kann es weitergehen. Da ist keine Bank. Und die Zeit läuft. Ich hänge wie ein nasser Sack im Gurtzeug, sehe die in der Abendsonne golden glänzende Nordsee, die Wölkchen, in weiter Ferne Hamburg, das man von hier oben selten sehen kann, weil es sich oft unter einer Dunstglocke versteckt … – und will einfach nur, dass es vorbei ist.

Der Boden kommt näher, und eigentlich soll ich die Beine anheben, so wie wir es geübt haben. Nur: sie gehorchen mir nicht. Ich kriege sie keinen Zentimeter bewegt. Ich verkacke die Landung – wir landen gefühlt nur unwesentlich eleganter als der Albatros bei Bernhard und Bianca. Auf dem Bauch. Mein erster artikulierter Gedanke nach der Landung, als ich mich hochgerappelt habe und die Grasflecken auf den Knien des Overalls sehe, ist: Das tut mir leid, der muss jetzt in die Wäsche. Und dann breitet sich ein Grinsen in meinem Gesicht aus. Bis zu den Ohren. Ich hab es echt getan. Ich bin aus 4.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug gesprungen.

Einige Kollegen sind noch geblieben und nehmen mich in Empfang. Gratulieren mir. Die Dame von der Crew, die sich beim Einchecken so toll um mich gekümmert hat, freut sich mit mir: „Na, das Gesicht spricht ja Bände!“ Ich schaue mir die Bilder an, die Robbie gemacht hat. Auf den letzten sehe ich nicht sehr glücklich aus. „Das mit der Panikattacke ist so schade, ich konnte die Aussicht gar nicht so richtig genießen. Das muss nächstes Mal anders.“

Habe ich gerade „nächstes Mal“ gesagt? Das habe ich tatsächlich. Ich möchte das noch einmal machen. Nur vielleicht nicht gleich morgen.

Na, Lust bekommen? Wir haben unseren Sprung bei YUU Skydive e.V. gebucht und waren alle restlos begeistert.